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Editorial

Wenn es in den Beiträgen unseres Heftschwerpunktes um das Thema Bewusstsein geht, dann
nicht um das praktisch-politische Thema Klassenbewusstsein, sondern – wie auch auf der ein-
schlägigen Tagung der Marx-Engels-Stiftung Ende Mai in Münster – um das nur auf den ersten
Blick unpolitisch scheinende Thema des menschlichen Bewusstseins allgemein, welches Ge-
genstand der Grundlagenforschung der Wissenschaften vom Menschen, insbesondere der Phi-
losophie, Psychologie, Hirnforschung, Biologie, Genetik, etc. ist. Die Vorstellungen auf diesem
Gebiet sind in rascher Entwicklung begriffen. Den aktuellen Zwischenstand ein Stück weit auf-
zuarbeiten und einer kritischen Betrachtung zu unterziehen ist das Ziel der Beiträge.
Die – teilweise spektakulären – Fortschritte der Hirnforschung haben in den letzten Jah-
ren und Jahrzehnten unsere Vorstellungen von den Entwicklungs- und Funktionsgesetzen der
menschlichen Psyche wesentlich bereichert und dabei nicht selten alte, vertraute Gewissheiten
auf eine harte Probe gestellt – bis hin zur Diskussion um die Willensfreiheit. Manche alther-
gebrachte Denkgewohnheit hat diese Probe bestanden, andere müssen weiter überdacht und
neu fundiert werden. Das gilt zum Beispiel für das Problem der kausalen Beziehungen zwi-
schen psychischen und physischen Vorgängen beim Menschen und damit für den Geltungs-
anspruch zentraler marxistischer Kategorien wie den Materialismus. Zur heutigen Bedeutung
des Materialismus hat letzthin Georg Fülberth – bisher unwidersprochen – eine zweifellos sehr
mutige Feststellung von großer Tragweite getroffen als er von einer inzwischen eingetretenen
»Allgemeingültigkeit des Materialismus« sprach: »Was in der Gründungsperiode des Histo-
rischen Materialismus eine wissenschaftliche Revolution war, ist heute eine Binsenweisheit.«
(MB 1–2014 S. 22) Gilt diese allgemeine Aussage über die Allgemeingültigkeit – über den Sieg –
des Materialismus auf ganzer Linie etwa auch für die Wissenschaften von der menschlichen Psy-
che? Ist nach dem Historischen nun auch der Psychologische Materialismus dabei, allgemein-
gültig und eine Binsenweisheit zu werden? Die Autoren unseres Schwerpunktthemas scheinen
das anders zu sehen.
Die Frage nach der Bedeutung des Materialismus beschäftigt aber nicht nur den Marxismus
sondern seit langem ganz zentral auch die analytische Philosophie des Geistes, die von großem
Einfluss an den einschlägigen Hochschulinstituten (nicht nur) der BRD ist. Und als »kluge Ma-
terialisten« sind wir Lenin’s Hinweis im Konspekt zu Hegel (LW 38, S. 263) gefolgt, dass uns ein
kluger Idealismus näher steht als ein dummer (metaphysischer, unentwickelter, toter, grober,
unbeweglicher) Materialismus und haben uns auch mit jenen Positionen auseinandergesetzt
und nach den dort zu findenden sprichwörtlichen »Körnchen tiefer Wahrheit« (a. a. O. S. 145,
252, 422) gesucht.
Rolf Jüngermann


PS.: Aus Platzgründen haben wir die z. T. sehr umfangreichen Literaturhinweise unserer Auto-
ren nicht im Heft abgedruckt, auch weil sie für das Verständnis der Artikel nicht unmittelbar
notwendig sind. Interessierte oder wissenschaftlich arbeitende LeserInnen finden die betreffen-
den Artikel inclusive Literaturhinweisen aber auf unserer Website www.marxistische-blaetter.de
zum kostenlosen Download.

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