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Neuromythologie – die Deutungsmacht der Hirnforschung

geschrieben von Burkhard Wiebel


Die „Dekade des Gehirns“ der 1990er Jahre hat wichtige Fortschritte im Verständnis des Gehirns hervorgebracht (Blackmore 2000). Die Genforschung entschlüsselte die genetische Grundlage von Erkrankungen wie Chorea Huntington und anderen neurologischen Störungen. Man entdeckte die Neuroplastizität des Gehirns, z.B. als Basis von Nervenzellneubildungen bis ins hohe Alter. Die dynamische Formbarkeit von Gedächtnisprozessen wurde erkannt. Die größte Entdeckung in dieser Dekade war aber die neue Bildgebungstechnologie. Das Zeitalter des Neuroimagings war angebrochen. Mit  nuklearmedizinischen Verfahren wie „Positronen-Emissions-Tomographie“ (PET), „Single-Photon-Emission-Computed-Tomographie“ (SPECT) und der „funktionellen Magnetresonanztomographie“ (fMRT) gelang der molekulare Zugriff auf das menschliche Gehirn.  Die moderne Hirnforschung profitierte von den neuen Technologien und hat in den letzten Jahrzehnten zukunftsweisende Forschungsergebnisse hervorgebracht.

Nicht nur die Anatomie und Biochemie des Gehirns, auch dessen Funktionsweise waren Gegenstand der Forschung. Man versprach sich tiefe Einsichten in die Biologie menschlicher Kognitionen, Emotionen und menschlichen Verhaltens. Das Faszinierende war der erwartete Blick in das akut denkende und fühlende Gehirn. Dies war „ein Quantensprung nicht nur für die Hirnforschung sondern auch für Medien und Öffentlichkeit“ (Hasler 2012, 20). Ein Journalist bemerkte: „Befunde, für die sich früher kaum jemand interessiert hätte, weil sie auch kaum einer verstanden hätte, werden plötzlich registriert, weil sie anschaulich vermittelt werden, weil man sie quasi sehen kann“ (Schramm 2011). „Hirnbilder sind die Wissenschaftsikonen unserer Zeit, die Bohrs Atommodell als Symbol für Wissenschaft ersetzt haben“ (Farah 2009).       

Es gab viele Gründe, warum sich um die Bildgebung in der Hirnforschung eine „Neuromythologie“ entwickelt hat und eine Deutungsmacht entstand, die sich weit in die Gesellschaft ausbreitete. Sicher ist es nicht nur die Anschaulichkeit und Suggestivkraft der bunten Bilder, aber es hat damit durchaus zu tun. In vielen amerikanischen Staaten werden vor Gericht Hirnscans als Beweismittel in Gutachten nicht mehr zugelassen bzw. dürfen nur noch in kleinen Formaten an die Geschworenen ausgehändigt werden. Man befürchtet die suggestive Kraft der Bilder, die zu Fehlurteilen Anlass geben könnte. Man spricht in diesem Zusammenhang von einem „Christbaum-Effekt“ (Hasler 2012, 35). Unabhängig von diesem Phänomen hat sich recht schnell nach Aufkommen dieser Technik eine Überdehnung der Erwartungen an die neuen Technologien entwickelt, bedingt u.a. durch überzogene Darstellungen in den Medien, das Anpreisen von Forschungsergebnissen durch Wissenschaftler in der Jagd nach Reputation und Forschungsgeldern und sensationelle Darstellungen durch bekannte Wissenschaftsautoren, insbesondere aber durch die Pharmaindustrie.

Die Pharmaindustrie nutzte und förderte die Deutungsmacht der Hirnforschung für eine massive Ausdehnung des Marktes für Psychopharmaka. Es entwickelte sich ein Milliardengeschäft auf der Basis von massiver Korruption der Ärzte und der Täuschung der Öffentlichkeit. Ergebnis ist, dass Millionen Menschen auf Dauer oder längere Zeit täglich Psychopharmaka einnehmen, die sie nicht benötigen und die schädliche Neben- und Langzeitwirkungen haben. Insbesondere wird der Markt auf immer neue Bevölkerungsgruppen ausgedehnt. Nach der flächendeckenden Versorgung der AltenheimbewohnerInnen mit „ruhigstellenden“ Tranquilizern sind es jetzt Kinder immer jüngeren Alters, denen aufgrund von unterschiedlichen Problemlagen in ihrer familiären und schulischen Umgebung Antidepressiva, Neuroleptika und Psychostimulanzien (z.B. Ritalin) verschrieben werden. Dies geschieht, obwohl die explosionsartige Zunahme von ADHS-Diagnosen bei Kindern inclusive der Verschreibung von Psychostimulantien in der Öffentlichkeit durchaus kritisch diskutiert wird.

Die „Landnahme“ unserer Gehirne durch die Pharmaindustrie geht weiter. Jetzt sind es die „Cognitive Enhancer“, an denen mit hohem Forschungsaufwand gearbeitet wird und für die die Vermarktungsstrategien vorbereitet werden. Diese Substanzen können die kognitive Leistungsfähigkeit, insbesondere die Daueraufmerksamkeit und die Leistungsmotivation steigern. Gedacht sind diese Medikamente für Menschen, die ihr „Humankapital“ in einer Leistungssituation steigern wollen. Vor 30 Jahren wäre es wohl für die meisten Menschen undenkbar gewesen, sich ohne medizinische Notwendigkeit solch massiven Eingriffen in ihre Hirnfunktionen auszusetzen.

Alle sind beteiligt, die Pharmaindustrie, die verschreibenden Ärzte und die willigen PatientInnen, KonsumentInnen und Eltern. Was sie alle vereint, ist die Wirkung der Deutungsmacht der Hirnforschung, die „Neuromythologie“. Mit der Macht einer technischen Innovation, der Möglichkeit, Aktivitätszustände des menschlichen Gehirns in Hirnscans “live“ darzustellen, meldet die Neurowissenschaft in den verschiedenen Bindestrich-Wissenschaften wie Neuro-Pädagogik, Neuro-Philosophie,  Neuro-Anthropologie, Neuro-Theologie, Neuro-Ökonomie und Neuro-Ästhetik selbstbewusst Geltungsansprüche an, die weit über ihr technisches Tätigkeitsfeld hinausreichen. Grundlage dieses Anspruchs ist die Maxime, dass alles menschliche Verhalten durch die Gesetzmäßigkeiten der Aktivitäten von Nervenzellen und die Art, wie diese im Gehirn organisiert sind, bestimmt ist. Dieser Anspruch kulminiert in der Überzeugung, eine naturwissenschaftliche Geisteswissenschaft zu sein, die Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts (Hess & Jokeit 2009). 

Das Phänomen der Monopolansprüche wissenschaftlicher Strömungen und Teildisziplinen war schon Diskussionsgegenstand  in der sowjetrussischen kulturhistorischen Psychologie. Vygotskij stellte fest, dass alle bedeutenden Entdeckungen, die von den jeweiligen Strömungen der Psychologie gemacht wurden, die verhängnisvolle Tendenz hatten, ihren Geltungsanspruch soweit auszudehnen, dass zum Schluss die jeweiligen zentralen Ideen einen Monopolanspruch für die gesamte Disziplin anmelden. Sie würden sogar über die Grenzen der Psychologie hinausgehen und dabei Gefahr laufen, absurd zu werden (Vygotzki 1985, 69ff). Vygotzkij unterscheidet in diesem Zusammenhang drei „Fehlgriffe“: Annexion, Bündnis und Entlehnung. So kritisierte er Bechterev, das er jedes interessante Ergebnis psychologischer Forschung als mit seiner Reflexologie nach entsprechender „Übersetzung“ vereinbar sehe (Annexion). Der zweite Fehlgriff sah er in dem damaligen Bemühen um eine Synthesen von Marxismus und Psychoanalyse (Bündnis). Am schärfsten kritisierte  Vygotzkij aber den Fehlgriff der Entlehnung, wenn z.B. „die naturwissenschaftliche Decke  […] über rückständige Metaphysik gebreitet wird“ (Vygotzki 1985, 69ff; zit.n. Kölbl 2006, 42).  

Eine weitere Erklärung für die weitgehend unhinterfragte Geltungsmacht der Hirnforschung ist in der wissenschaftlichen Disziplin der Psychiatrie zu suchen. Die Psychiatrie hat traditionell eine Sonderstellung unter den sich naturwissenschaftlich verstehenden medizinischen Disziplinen. Mit dem derzeitigen Bekenntnis zur biologischen bzw. Molekularpsychiatrie versteht sich die Psychiatrie selbstbewusst als eine naturwissenschaftliche Disziplin, die psychische Krankheit auf zellulärer und subzellulärer (molekularer) Ebene aufklärt und behandelt. Dieses Selbstbild hat sich allerdings als trügerisch erwiesen, es wird aber daran festgehalten. In den 90er Jahren war es die große Hoffnung, dass die „Neuro-Psychiatrie“ als exakte naturwissenschaftliche Disziplin schon bald psychopathologisches Geschehen auf der Ebene von Neuronen und Rezeptoren würde aufklären können. Mittels genetischen Screenings sollten sich Risikopersonen identifizieren lassen, mit bildgebenden Verfahren gesunde von depressiven und schizophrenen Gehirnen unterscheidbar werden. Vor allem aber wurde erwartet, dass sich aufgrund der Einsichten in die biologischen Abläufe von psychischen Störungen hochspezifische und damit nebenwirkungsarme Medikamente werden entwickeln lassen. Auch nicht ansatzweise haben sich diese Hoffnungen erfüllt (Hasler 2012, 172). „Trotz Dekaden der Forschung ist die Neurobiologie der Depression weitgehend unbekannt und die Behandlungen sind heute nicht effektiver als vor fünfzig bis siebzig Jahren“ (Holtzheimer & Meyberg 2011, 1).

Vieles deutet darauf hin, dass die gegenwärtige Epidemie psychischer Störungen zum Teil sogar auf diese neue wissenschaftsideologische Ausrichtung der Neuro-Psychiatrie zurückzuführen ist, insbesondere durch die seit Mitte der 1990er Jahre gängige Praxis, immer mehr und immer jüngere Kinder mit den „neuen“ Antidepressiva, den Serotonin-Reuptake-Hemmern (SSRI), mit Ritalin und „mood stabilizern“ zu behandeln. Anfangs war dies ein echter Tabubruch, denn bis in die 80er Jahre war man mit der psychopharmakologischen Behandlung von Kindern extrem zurückhaltend gewesen. Die heutige Verschreibungspaxis dürfte nach Hasler zur Zunahme chronifizierter und invalidisierter Psychiatriepatienten beigetragen haben (Hasler 2012, 172).

Recherchen zu den Spätfolgen medikamentöser Behandlungen der Heimkinder in der frühen Bundesrepublik bestätigen dies für den Bereich der Neuroleptika. In den Heimen der 50er bis 70er Jahre wurden Neuroleptika massiv eingesetzt, um Kinder „ruhig zu stellen“. Die gesundheitlichen Spätfolgen treten jetzt zunehmend in Erscheinung.  Ein erheblicher Anteil der jetzt 50- bis 70jährigen ehemaligen Heimkinder leidet unter Stoffwechselerkrankungen (insbesondere Diabetes) und Erkrankungen des Herz- /Kreislaufsystems (Schlaganfälle, Herzinfarkte). In zwei Forschungsvorhaben unter Beteiligung des Autors wird dies gegenwärtig aufgearbeitet, - gegen den massiven Widerstand der Nachfolger der ehemaligen Heimträger und Aufsichtsbehörden (Kirchen, Landschaftsverbände, Landesjugendämter  usw.).

Ebenfalls als Folge der Deutungsmacht der Hirnforschung hat sich in der Öffentlichkeit das Bild von persönlichen Befindlichkeitszuständen und persönlicher Behandlungsbedürftigkeit gewandelt. Als behandlungsbedürftig wird vieles heute angesehen, was vor Jahren noch als normal galt. Insbesondere die von der Pharmaindustrie mitfinanzierten und mitgesteuerten professionell organisierten Großkampagnen zur Krankheitsaufklärung haben die Selbstwahrnehmung der Menschen erheblich verändert. Diese gesellschaftliche Akzeptanz wurde durch die extreme Simplifizierung und Falschdarstellung der Biologie der Psyche in einschlägigen medizinischen Fachzeitschriften und in der Öffentlichkeit vorbereitet.  Psychiatrische Störungen werden als entgleiste Chemie des Gehirns, als Neurotransmitter-Ungleichgewicht begriffen, die Wirkung „moderner“ Psychopharmaka als Korrekturen dieser Ungleichgewichte mit hoher Spezifität, Wirksamkeit und Sicherheit. Dieser Neuro-Mythos hat bewirkt, dass z.B. SSRIs exzessiv verschrieben und bereitwillig eingenommen werden. Das Ergebnis ist leider häufig, dass „das delikate Gleichgewicht der Hirnchemie nachhaltig und möglicherweise irreversibel gestört wird“ (Hasler 2012, 173). Die Skandale um die Marktzulassung von neuen Präparaten füllen Bände. Pharmastudien werden von den Pharmafirmen finanziert und in Auftrag gegeben. Ergebnisse, die eine Wirksamkeit anzeigen, werden veröffentlicht, andere zurückgehalten. Schwerwiegende Nebenwirkungen, die zu Tod, Suizid, Heteroaggression oder chronischen Gesundheitsbeeinträchtigungen geführt haben, werden von der Öffentlichkeit ferngehalten. Ausführlich hat Felix Hasler hierzu recherchiert (Hasler 2012, 82ff.).  

Hess und Jokeit (2009) sprechen von einem Neurokapitalismus, der jetzt im Entstehen ist. Die kapitalistische Wirtschaftsform hat in jeder Phase ihres Bestehens Wissenschaften und Techniken hervorgebracht, um die selbstgenerierten „Betriebsstörungen“  der sie konstituierenden Subjekte zu analysieren, zu mildern und diese in den Kreislauf von Angebot und Nachfrage wieder zurückzuführen. So war die Neurose die „Volksseuche“ Anfang des 20. Jahrhunderts, entstanden innerhalb des repressiven Kapitalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit seinen Verboten, Geboten und Ungerechtigkeiten, erzwungener Gefügigkeit und Disziplin.  Neurosen entstanden im Zusammenhang mit versagender Disziplin, Schuld und Ohnmacht. Die Methode der Psychoanalyse wurde zum Behandlungsstandard. Darüber hinaus wurde die Psychoanalyse zu einem Erklärungskonzept menschlicher Existenz und beeinflusste Kultur und Gesellschaft im Sinne einer Jahrzehnte andauernden Deutungsmacht.

Anders im jetzigen libertären Wohlstandskapitalismus, in dem es für den Einzelnen um Expansion, Selbstantrieb und Selbstverwirklichung geht. Depression, Angst und Aufmerksamkeitsstörungen können Merkmale einer Dekompensation gegenüber dem Geforderten sein. Alain Ehrenberg (2008) hat dies in seinem Buch „Das überforderte Selbst“ anschaulich beschrieben. Das Scheitern angesichts multipler Möglichkeiten, das Zuviel /Zuwenig an verwertbaren Reizen, die Unfähigkeit, sich einer Signalüberflutung zu entziehen, die Beschädigung von Entspannungsmechanismen und die Verrohung emotionalen Erlebens sind nach Hess und Jokeit (2009) das, was zu Depression, Angst und Aufmerksamkeitsstörungen, der Volksseuche des 21. Jahrhunderts, führt. Behandlungsmethode ist die Psychopharmakologie, das molekulare Manipulieren am synaptischen Spalt. Kapitalismus, Neurowissenschaft und pharmazeutische Industrie bilden einen Komplex. Deutungsmacht ist die Neurowissenschaft.  

Hess und Jokeit (2009) vermuten, dass die Erfolgskonzepte von Freuds Psychoanalyse und der heutigen Neurowissenschaften auf ähnlichen Prämissen basieren. Danach sei die Psychoanalyse ethisch durch ihre Zugehörigkeit zu Medizin und Psychologie legitimiert und habe durch ihre Verwobenheit mit Kunst, Kultur, Wirtschaft und Politik wesentliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdringen können. Ähnlich bei den Neurowissenschaften: die ethische Legitimierung als der Medizin zugehörig, die Methodenfundierung in den Naturwissenschaften, eine enorme finanzielle Förderung durch Staat und Pharmaindustrie und die Durchdringung des gesellschaftlichen Lebens, indem sie das öffentliche Bild einer besonderen Problemlösungskompetenz abgibt. Die Neurowissenschaften scheinen zu Beginn des 21. Jahrhunderts zumindest den Anspruch zu erheben, eine vergleichbare Rolle wie die Psychoanalyse im letzten Jahrhundert künftig zu spielen. So werden Ergebnisse der Hirnforschung im Zusammenhang mit grundlegenden Fragen unserer Existenz diskutiert. Ein Beispiel dafür ist die um die letzte Jahrhundertwende virulent gewesene Diskussion um die Willensfreiheit des Menschen (vgl. Hasler 2012, 187ff.)

Die globalisierte Informationsgesellschaft, in der das überforderte Selbst sich zurechtfinden muss, wird von Hess und Jokeit (2009) als Neurokapitalismus bezeichnet. Neurowissenschaften können zum Verständnis dieses Kapitalismus beitragen, aber auch Methoden zu Manipulation und Unterdrückung des Einzelnen beisteuern. Zentral ist die globalisierte Überinanspruchnahme nicht nur materieller sondern insbesondere human-geistiger Ressourcen. Letzteres rechtfertigt den Begriff Informationsgesellschaft. Information kann nur dann einen Warencharakter entfalten, wenn sie menschliches Verhalten verändert. Damit etwas Information wird, muss es aber Aufmerksamkeit und emotionale Bewertung erfahren. Gefühle und kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit stehen im Zentrum neuer Kapitalismustheorien, z.B. Eva Illouz` Gefühle in Zeiten des Kapitalismus (Illouz 2004) und Georg Francks Mentaler Kapitalismus (Franck 2005). Francks Mentaler Kapitalismus ist eine Ökonomie der über die Massenmedien kontrollierten und gesteuerten Aufmerksamkeit. Nur über mediale Bündelung, Steuerung und Kontrolle kann die flüchtige Ressource Aufmerksamkeit zur Ware werden. Unter emotionalem Kapitalismus ist eine Ökonomie zu verstehen, in der Emotionen,  verstanden als soziale Aufmerksamkeitssignale, erzeugt, kanalisiert und kontrolliert und damit marktgängig gemacht werden.

Man kann beide Wirkkräfte im gegenwärtigen Kapitalismus, das Mentale und das Emotionale auch als kognitiv-emotional zusammenfassen und von einem kognitiv-emotionalen Kapitalismus sprechen, in dem kognitiv-emotionale Produktivkräfte wirken. Information wird durch die Anregung von Aufmerksamkeitsprozessen und emotionalen Bewertungsprozessen generiert und kann so zu Ware werden. Für die Analyse, Gestaltung und Kontrolle kognitiv-emotionaler Produktivkräfte ist die Neurowissenschaft Gestaltungs- und Deutungsmacht. Die Neurowissenschaften können Wissen zum Verständnis von Aufmerksamkeits- und Emotionsprozesse generieren und bereitstellen. Die Beeinflussung kognitiv-emotionaler Prozesse auf genetischer Ebene liegt vermutlich heute noch in weiter Ferne, die Möglichkeit einer temporären Einflussnahme auf neurochemischer Ebene in verschiedenen Lebensbereichen ist aber bereits heute realisierbar. Das Wissen um die Möglichkeit, die eigene emotionale und aufmerksamkeitsökonomische „Fitness“ chemisch zu verbessern, ist bereits Teil des öffentlichen Bewusstseins. Wirksame Neuroenhancer können heute unkontrolliert beschafft werden, die Kommunikation von Anwendungserfahrungen geschieht im Internet. Der Boden für den Markterfolg  der Substanzen, an denen heute in den Laboratorien gearbeitet wird, ist vorbereitet.

Es stellt sich die Frage: wie lange wird die Deutungsmacht der Neurowissenschaften anhalten, ist sie tatsächlich die Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts? Ein Blick auf den zurückliegenden Humangenetik-Hype der 80er /90er Jahre weist auf eine Zeitfunktion des öffentlichen Umgangs mit bedeutsamen Innovationen. Hasler (2012, 233) beschreibt diesen Zusammenhang an dem sog. Gartner-Hype-Zyklus (www.gartner.com/technology/research/methodologies/hype-cycle.jsp.). Danach kann der Verlauf der Deutungsmacht der Hirnforschung mit seinem Auswuchs zu einer Neuromythologie im Zeitverlauf wie folgt beschrieben werden. Nach dem Überschreiten des „Gipfels der überzogenen Erwartungen“, so um das Jahr 2006, sind die „neuen Wissenschaften des Gehirns“ gegenwärtig auf dem Abstieg ins „Tal der Enttäuschungen“. Hoffnung für die Zukunft besteht aber insofern, als nach dem schmerzlichen Durchschreiten des „Tals der Enttäuschungen“ gemäß Hype-Theorie ein vernünftiges redimensioniertes Einschwenken auf den „Pfad der Erkenntnis“ zu erwarten ist. Das wäre dann vielleicht eine Phase echter Produktivität.

Dies hat die Humangenetik-Forschung bereits hinter sich. Die großen Versprechungen und hohen Erwartungen haben sich nicht bestätigt. Das Humangenomprojekt war zwar erfolgreich, das menschliche Erbgut wurde komplett entschlüsselt. Aber dieses Ergebnis hat keine Anwendungsrelevanz. Gentherapeutische Verfahren sind nicht in Sicht. Es kann jetzt im humangenetischen Bereich mit weniger Glamour in Ruhe weiter geforscht werden. Einige Wissenschaftshistoriker sind sich heute sicher, dass „die wissenschaftliche Karriere des Genbegriffs nicht etwa durch sein Erklärungspotenzial, sondern viel mehr durch die Struktur und Dynamik seines Forschungspotenzials ermöglicht wurde“ (Müller-Wille & Rheinberger 2009). „Trotz enormer staatlicher und privater Investitionen in die Gentherapieforschung und der Vergabe von Risikokapital in Milliardenhöhe an unzählige Biotech-Startups ist bisher nichts therapeutisch Anwendbares entwickelt worden“ (Hesler 2012, 32). Aus dieser Erfahrung mit den Versprechungen der Gentech-Lobby und einem ähnlichen Setting in der Neuro-Forschung ist es extrem unwahrscheinlich, dass die Zukunftsversprechen der Neuro-Lobbyisten auch nur ansatzweise in den nächsten Jahrzehnten in Erfüllung gehen.

Für den Bereich der neurowissenschaftlichen Aktivitäten als Ganzes zeichnen sich heute nach Hasler (2011,  228) große systemimmanente Probleme ab. Die dramatisch überdehnten Zukunftsversprechen, die Multimilliarden akquirieren ließen, erweisen sich als Bumerang. Der immer lauter gewordene Überverkauf der Forschungsergebnisse hat zu Glaubwürdigkeitsproblemen geführt. Nach Hasler ist nicht auszuschließen, dass die Neurowissenschaften letzten Endes ähnlich grandios scheitern werden wie die Gentherapieforschung. Trotz Jahrzehnten intensiver Forschung und Milliarden von Investitionen hat die biologische Psychiatrie kaum die Krankheitsverursachungen betreffende  (ätiopathogenetisch) relevante Erkenntnisse gewonnen. Zu besseren Behandlungsmethoden psychischer Störungen hat dies alles nicht geführt. „Ganz im Gegenteil: im Zeitalter der biologischen und molekularen Psychiatrie scheint es psychisch belasteten Menschen immer schlechter und nicht besser zu gehen. Noch immer zeigt sich keine auch nur halbwegs überzeugende Theorie am Wissenschaftshorizont, die dem komplexen Chaos in der Bewusstseinsforschung per neurowissenschaftlich-empirischer Beweisführung ein Ende machen könnte. Aus neurowissenschaftlichen Erkenntnissen sind auch keinerlei Handlungsanweisungen entstanden, wie der Mensch besser lernen, arbeiten, entspannen oder lieben könnte. Und auch die individuelle Voraussage von menschlichem Verhalten aufgrund hirnmorphologischer oder neurofunktionaler Befunde klappt heute nicht zuverlässiger als bei den Phrenologen vor 200 Jahren. Stattdessen will man nun für eine Milliarde Euro ein menschliches Gehirn im Computer nachbauen, mit immer leistungsfähigeren und immer teureren Hirn-Scannern noch tiefer ins Gehirn schauen und hofft, mit immer komplexeren maschinenbasierten fMRT-Auswertungsalgorithmen doch noch Bewusstseinsphänomene auf neuronaler Ebene entschlüsseln zu können. Das schon 200 Jahre andauernde „Enträtsele-das-Gehirn“-Spiel geht gerade wieder einmal auf ein höheres Level (Hasler 2012, 228).

Dies ist eine erschreckende Bilanz, aber nur für die, die dem Neuro-Hype aufgesessen waren. Geht man von dem Gartner-Hype-Zyklus (s.o.) aus, so ist dies die Situation nach dem Überschreiten des „Gipfels der überzogenen Erwartungen“, nach dem Abstieg ins „Tal der Enttäuschungen“ und jetzt des Einschwenkens auf den „Pfad der Erkenntnis“.  Wissenschaftliches Arbeiten ist etwas anderes, es ist das verbissene Sich-Beschäftigen mit Kleinteiligem, wobei gelegentlich auch mal etwas Großes herauskommt. Für den Bereich der Hirnforschung mit bildgebenden Verfahren zeichnen sich jetzt einige ermutigende Veränderungen ab. Die größer werdende Neuro-Skeptiker-Gemeinde hat zur Bildung eines Netzwerkes der „Kritischen Neurowissenschaftler“  geführt (Choudhury et al., 2011; Slaby 2011).  An vielen Universitäten sind forschende StudentInnen und DoktorantInnen mittlerweile verpflichtet, Kurse in „guter wissenschaftlicher Praxis“ zu belegen. In der jüngeren Generation gibt es eine ganze Reihe Wissenschaftler, die begeisterte Hirnforscher sind, aber der eigenen Fachrichtung auch kritisch gegenüber stehen. Bei den meisten Bildgebungsstudien hat sich mittlerweile ein methodischer Standard durchgesetzt, der Ergebnismanipulation über statistische Tricks nicht zulässt und diese ächtet.

Erste Zeichen einer Veränderung haben sich auch in dem Komplex Pharmaindustrie /Psychiatrie ergeben. Seit ein paar Jahren gibt es MEZIS („Mein-Essen-zahl-ich-selbst“), an dem zahlreiche, auch prominente Mediziner beteiligt sind. Die Organisation hat einen Katalog von Maßnahmen gegen die omnipräsente Manipulation durch die pharmazeutische Industrie beschlossen: keine Besuche von Pharmavertretern, keine Medikamentenmuster und Geschenke, Abschaffung pharmagesponserter Praxissoftware, herstellerunabhängige Fortbildungsveranstaltungen. Ähnliche „no-free-lunch“ – Kampagnen in anderen Ländern bilden ein internationales Netz gegen die Korruption durch die Pharmaindustrie. Maßnahmen gegen die Publikationsverzerrung in Fachzeitschriften sind Studienregister in verschiedenen Ländern, seit 2008 auch in Deutschland, in denen alle klinischen Studien erfasst werden müssen.  D.h. die sonst verheimlichten negativen Studienresultate lassen sich so besser identifizieren.

Ein paar abschließende Bemerkungen:

Die moderne Hirnforschung ist nicht in ihrer Gesamtheit das Spielfeld anlagesüchtigen Kapitals, narzisstischer Autoren und profilsüchtiger Wissenschaftler. Die insbesondere mithilfe  der bildgebenden Verfahren,  der „Neuroscans“, möglich gewordenen Einsichten in Funktionen und Strukturen des menschlichen Gehirns haben neue Fragestellungen zu den Bedingungen und Möglichkeiten menschlicher Existenz angeregt. Die großen Versprechen der Neuro-Lobby haben sich als illusorisch erwiesen. Für diejenigen ist dies aber keine Enttäuschung, die Wissenschaft ohnehin als das mühsame Vorangehen in kleinen Schritten verstehen. Aleksandr R.  Lurija war ein solcher Forscher (s. Kölbl 2006, 66ff.). Eine interessante Vorstellung: wie hätte er als Neuropsychologe die Methoden der Hirnscans eingesetzt? In der neuen Wissenschaftssparte der Neurophilosophie (vgl. Metzinger 2012) werden durch die Ergebnisse der Hirnforschung aufgeworfenen Fragestellungen auf materialistischer Basis diskutiert. Eine neue Disziplin der Neurosoziologie entsteht, ausgehend von der menschlichen Tätigkeit als Praxis im marxschen Sinne (Baecker 2014, 23). Die Neurosoziologie, so wie sie Baecker konzipiert, hat ihre frühesten Wurzeln in der sowjetrussischen kulturhistorischen Schule der Psychologie mit Vygotskij, Lurija und Leontév (s. Kölbl 2006). Deren Vorhaben, eine umfassende Psychologie des gesellschaftlichen Menschen zu schaffen, wurde mit Bezug auf neurowissenschaftliche Fragen u.a. von Jantzen (2004) weiter verfolgt. Der zentrale Ansatz der Tätigkeitstheorie, deren Hauptaussage ist, dass nicht die äußere Tätigkeit des Menschen von seinem Bewusstsein abhängt, sondern dass sich das menschliche Bewusstsein erst durch die gegenständliche Tätigkeit des Menschen in der Welt bildet, erfährt seit Jahren zunehmende Aufmerksamkeit (Kölbl 2006).  

Literatur

Blackmore, C. (2000). Archievements and challenges of the decade of brain. EuroBrain 2, S. 4.

Choudhury, S., Nagel, S., Slaby, J. (2009). Critical neuroscience: linking neuroscience and society through critical practice. BioSocieties 4, S. 61-77.

Ehrenberg, A. (2008). Das erschöpfte Selbst . Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. [1998]. Frankfurt/M.

Farah, M. (2009). A picture is worth a thousand dollars. Journal of Cognitive Neuroscience 21, S. 623-624.

Franck, G. (2005). Mentaler Kapitalismus – eine politische Ökonomie des Geistes. Hanser, Berlin.

Gartner-Hype-Zyklus  www.gartner.com/technology/research/methodologies/hype-cycle.jsp. (zugegriffen am 12.06.2014)

Hasler, F. (2012). Neuromythologie - eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung. Transscript, Bielefeld

Hess, E., Jokeit, H. (2009). Neurokapitalismus. Eurozine (www.eurozine.com/article/2009-06-09-jokeit-de.html) (zugegriffen am 18.05.2014)

Holtzheimer, P.E., Mayberg, H.S. (2011). Struck in a rut: rethinking depression and its treatment. Trends inNneurosciences 34, S. 1-9. 

Jantzen, W. (Hrsg.) (2004). Gehirn, Geschichte und Gesellschaft: Die Neuropsychologie Alexander R. Lurias. Lehmanns Media, Berlin

Illouz, E. (2004). Gefühle im Zeitalter des Kapitalismus. Suhrkamp, Frankfurt.

 

Kölbl, Carlos (2006). Die Psychologie der kulturhistorischen Schule - Vygotskij, Lurija, Leont´ev. Vanderhoeck & Rupprecht, Göttingen.

Metzinger, T. (2012). Der Ego-Tunnel – Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewußtseinsethik. Bloomsbury, Berlin.

Müller-Wille, S., Rheinberger, H.J. (2009). Das Gen im Zeitalter der Postgenomik. Suhrkamp, Frankfurt/M.

Schramm, M. (2011). Neurohype – Warum die Hirnforschung überschätzt wird. Interview mit Gerhard Roth, Peter Bieri, Kark Zillies, Nicole Becher und Felix Hasler) IQ- Wissenschaft und Forschung. Bayerischer Rundfunk, Erstausstrahlung am 13. April.

Slaby, I. (2011). Perspektiven einer kritischen Philosophie der Neurowissenschaften. Deutsche Zeitschrift für Philosophie 59, S. 397-390.

Wygotski, L.S. (1985). Die Krise der Psychologie in ihrer historischen Bedeutung. In: ders., Ausgewählte Schriften. Band 1: Arbeiten zu theoretischen und methodologischen Problemen der Psychologie. Hg. V.J.Lompscher. Köln, S. 57-277 (Original 1927)

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