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Editorial

Die Krise des Kapitalismus geht weit über das gewohnte zyklische Auf und Ab hinaus. Das
Gefühl und die Einsicht, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, wächst. In der Krisen-
Diagnose gibt es große Übereinstimmungen, egal unter welcher Überschrift sie zusammengefasst
wird. Auch die in diesem Schwerpunktheft veröffentlichten Beiträge von
Wolfram Elsner, Andreas Fisahn und Paul Mason sind – bei aller Unterschiedlichkeit – ein
beeindruckender Beleg für solche Übereinstimmungen.
Wolfram Elsner konstatiert eine »vieldimensionale (ökonomische, soziale, politische, sozialpsychologische,
und sowieso: ökologische) Dauerkrise«, eine »umfassende Systemkrise,
aus der der Spekulationskapitalismus nicht mehr herauskommen kann… und in der die
Zeit allmählich gekommen zu sein scheint… das politische Grundregime zugunsten eines
autoritären, nationalistischen und chauvinistischen Post-Liberalismus und Post-Parlamentarismus
zu wechseln.« Andreas Fisahn zeigt u. a. konkret auf europäischer Ebene wie – als
Teil dieser Systemkrise und gleichzeitig krisenverschärfend – die Demokratie immer weiter
»entkernt« wird. Und auch der britische Journalist und »radikale Sozialdemokrat« Paul
Mason, der sein aktuelles Opus Magnum »Postkapitalismus« auch als »umfassende Kritik
des Bolschewismus« verstanden wissen will, liegt trotz aller berechtigten Kritik aus marxistischer
Sicht zumindest mit seiner Beschreibung des kapitalistischen Systems, »das an die
Grenzen seiner Anpassungsfähigkeit gestoßen ist«, inhaltlich recht nahe bei den »Bolschewisten
«.
Vor diesem Hintergrund stellte das Marx-Engels-Zentrum Berlin (MEZ) in Kooperation
mit der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal auf einer Tagung Ende April 2016 die Frage, ob
man heute noch bzw. wieder von einer »Allgemeinen Krise des Kapitalismus« sprechen
könne. »Dass die Theorie der ›Allgemeinen Krise des Kapitalismus‹ heute fast gänzlich vergessen,
ja sogar diskreditiert ist, liegt vor allem darin begründet, dass sie auch starke Elemente
sozialistischer Siegeseuphorie enthielt, die uns heute fremd und wirklichkeitsfern
erscheinen müssen«, so Andreas Wehr in seiner Einleitung der Tagung. »Man sollte sich
dennoch heute wieder mit ihr beschäftigen, da sie nicht auf diese überkommene Sichtweise
reduziert werden kann. Es geht vielmehr darum, sich der in dieser Theorie vorhandenen
gültigen Erklärungsmuster zu erinnern und sie für die theoretische Arbeit fruchtbar zu
machen.«
Um in diese Debatte einzusteigen, dokumentieren wir hier zwei Tagungsbeiträge: Der
marxistische Ökonom Thomas Kuczynski betont den »realhistorischen Kontext des Begriffs
« und begründet Zweifel »gegenüber Versuchen, nach dem Zusammenbruch des
sozialistischen Weltsystems die Theorie der allgemeinen Krise erneut bzw. weiterhin als
Instrument der Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus zu gebrauchen«. Der marxistische
Philosoph Wolf-Dieter Gudopp-von Behm hingegen meint: der Kapitalismus »auf der
Kippe« zwischen Selbst-Anpassung oder Fortschreiten zu seinem Gegensatz – das ist die
Allgemeine Krise. »Imperialismus und Allgemeine Krise des Kapitalismus wären demnach
Ein-und-das-Selbe.«

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